Michael Kellner: Grüne Mitgliederkommunikation – „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“

Wie könnte politisches Engagement außerhalb von Mitgliederversammlungen und Parteitagen aussehen? Wir Grüne wollen neue Formen der Beteiligung schaffen – online wie auch offline – und damit zu einer Beteiligungspartei neuen Typs werden. Wenn sich die Lebensbedingungen der Menschen ändern, muss sich schließlich auch die Politik ändern. Wir Grünen setzen auf diese Veränderung – denn wir sind ein bunter, munterer Laden, der von seinen Mitgliedern und ihren Beiträgen lebt. So bunt und munter wollen wir auch bleiben – und werfen darum einen Blick darauf, wie Politik noch gehen könnte – und damit in die Zukunft von parteipolitischer Beteiligung.

Wenn die CDU den für sie höchst innovativen Vorstoß wagt und ihren Mitgliedern die Möglichkeit geben will, Anträge auf Parteitagen zu stellen, dann könnten wir Grüne darüber lächeln. Für uns ist es selbstverständlich, dass unsere Mitglieder Anträge auf Parteitagen stellen und manchmal verdammt viele. Doch ich finde es gut, weil Parteien sich ändern sollten, damit insgesamt Politik attraktiver wird. Wir Grüne haben einen Demokratievorsprung gegenüber anderen Parteien. Doch auf diesem Vorsprung sollten wir uns nicht ausruhen. Ich möchte ihn ausbauen.

Wir Grüne sind ein aufgeweckter Laden: seit unserer Gründung machen unsere Mitglieder mit, wenn es darum geht, die Weichen unserer Politik bei Inhalten und bei personellen Fragen zu stellen. Ob nun bei der Wahl der SpitzenkandidatInnen für die Bundestagswahl, bei der Entscheidung über die Schwerpunktthemen unseres Wahlkampfs oder bei unseren Parteitagen über unser Online-Antragstool: wir Grünen wollen debattieren, wir wollen streiten, wir wollen die für uns richtigen Lösungen finden. Grüne Mitglieder wollen keine Karteileichen sein, denen der politische Kurs einfach vorgeschrieben wird. Sie können und wollen mitmischen und das tun sie zum Glück auch. Dieses Engagement ist das, was uns stark macht und was ich so an meiner Partei schätze. Auch wenn es mal anstrengend sein kann.

Viele Mitglieder engagieren sich am wohl klassischen Ort der Parteiarbeit an der Basis: den Mitgliederversammlungen und Arbeitsgemeinschaften vor Ort. Die Menschen, die sich hier engagieren, leisten mit ihrem steten Einsatz einen immensen Beitrag und tragen Grüne Politik. Doch dieses stete Engagement, die Teilnahme an Gremiensitzungen und die Übernahme von Ämtern funktioniert eben nicht für alle: Nach der Arbeit und dem Einkauf oder nach dem Seminar und dem Abholen der Kinder aus der Kita ist es für viele schwierig, in den Abendstunden noch zur Mitgliederversammlung zu gehen. Andere wiederum ziehen häufig um und können deshalb nicht ortsgebunden arbeiten.

Allgemein ist ein Trend zu erkennen, dass sich viele kurzfristig und themenbezogen engagieren wollen und nicht die klassische Parteilaufbahn anstreben. Sie wollen sich lieber gegen die Tierfabrik im Nachbarort einsetzen, als regelmäßig neben Studium oder Beruf zu Mitgliederversammlungen zu gehen. Diese Personen sollten wir nicht durch protokollarische Versammlungen abschrecken. Hier müssen wir weitere Formen für Engagement schaffen. Trotzdem darf das kurzfristige, aktionsbezogene Engagement die regelmäßige und wertvolle Mitarbeit im Orts- oder Kreisverband nicht ersetzen. Die Herausforderung liegt darin, beide Bereiche zusammenzubringen und so für die verschiedenen Interessen Angebote zu schaffen: für die Studentin, die häufig ihren Wohnort wechselt und vielmehr an der Bundespolitik interessiert ist, genauso wie für das Mitglied, das in seinem Wohnort verwurzelt ist und sich in regelmäßigen Strukturen einbringen kann und will.

Ich will die Partei erfolgreich auf neue Beteiligungsmöglichkeiten umbauen. Unsere Mitglieder sind in den unterschiedlichsten Lebenssituationen und ich möchte, dass sich alle mit ihren unterschiedlichen Perspektiven einbringen können. Um das zu erreichen, wollen wir offline wie auch online neue Möglichkeiten schaffen. Dafür brauchen wir eine echte Wertschätzung für Debatte und die richtigen technischen Werkzeuge. An deren Entwicklung arbeiten wir gerade. Mein Ziel ist es, bis 2019 die erste Partei zu sein, die die neuen Möglichkeiten von Online-Beteiligung mit einer lebendigen Offline-Kultur verbindet.

Michael Kellner ist seit Oktober 2013 politischer Bundesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen. Als solcher koordiniert er die Zusammenarbeit in der Partei und organisiert Parteitage und Wahlkämpfe. Außer seiner Tätigkeit bei Bündnis 90/Die Grünen ist er ehrenamtliches Mitglied im Aufsichtsrat der Heinrich-Böll-Stiftung sowie ehrenamtliches Vorstandsmitglied von Denkwerk Demokratie. http://michael-kellner.info

Und hier nochmal zum Vergleich die Strategie der anderen Parteien:

Dr. Peter Tauber: CDU 2017 – die Mitmachpartei

Yasmin Fahimi: Politische Kommunikation in der komplexen Gesellschaft

Nicola Beer: FDP-Mitgliedermobilisierung – „Handlungsfähige Basis-Demokraten“

 

Foto: Bündnis 90/Die Grünen – Darchinger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.