Martin Fuchs: 86 Prozent der Bundestagsabgeordneten nutzen Social-Media

100 von 100 US-amerikanischen Senatoren haben ein Profil beim Microbloggingdienst Twitter. Die Zahlen, die Twitter nach der vergangenen US-Wahl Mitte Januar veröffentlichte, klingen beeindruckend. Selbstverständlich twittert auch der Präsident, die First Lady, viele der Minister und große Teile des Repräsentantenhauses. Demnach ist Twitter also in der Politik angekommen – jedenfalls in den USA. Denn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ als Reaktion auf diese Zahlen ihren Sprecher schnell erklären: Sie werde 2013 nicht mit der 140-Zeichen-Kommunikation beginnen.

Doch wie nutzen Politiker Facebook, Twitter, YouTube und Co zu Beginn des Wahljahres in Deutschland? Hierzu habe ich mir in meinem Blog hamburger-wahlbeobachter.de die Social-Media-Nutzung der 620 Bundestagsabgeordneten einmal genauer angeschaut.

Das überraschende Ergebnis: 86 Prozent aller Bundestagsabgeordneten besitzen mindestens ein Social-Media-Profil. Dabei reicht die Spannbreite von der aktiven Nutzung von bis zu acht Profilen (zum Beispiel Jimmy Schulz, FDP) bis zur Nutzung von nur einem XING-Profi (zum Beispiel Ernst Hinsken, CSU). 85 Abgeordnete besitzen aktuell allerdings überhaupt kein Social-Media-Profil.

Mit 95,7 Prozent nutzen die Mitglieder der FDP-Bundestagsfraktion die sozialen Netzwerke am stärksten, am wenigsten ist die Nutzung unter den Mitgliedern der Unionsfraktion verbreitet: Fast 20 Prozent der Abgeordneten haben keine eigenen Profile in einem der Netzwerke.

 

Spitzenreiter Facebook

Am  häufigsten nutzen Politiker dabei das Netzwerk Facebook. Mit deutschlandweit aktuell circa 25 Millionen Nutzern und über einer Milliarde Profilen hat sich Facebook zum weltweit größten sozialen Netzwerk entwickelt. Viele Abgeordnete wissen, dass sie gerade hier politikferne und junge Zielgruppen erreichen können.

Insgesamt haben aktuell 471 Abgeordnete (76 Prozent) einen Facebookaccount, dabei nutzen 348 von ihnen ein privates Profil und 226 eine Fanseite, 102 Abgeordnete haben beides. Die allerwenigsten der Abgeordneten nutzen aber auch beide Accounts aktiv.

Nach Fraktionen betrachtet ergibt sich folgendes Bild der Facebook-Nutzung:

CDU/CSU
165 von 237 Abgeordneten haben ein Facebook-Profil = 69,5 Prozent
109 von 237 Abgeordneten nutzen ein persönliches Profil = 46 Prozent
82 von 237 Abgeordneten haben eine Fanseite = 34,6 Prozent%

SPD
130 von 146
Abgeordneten haben ein Facebook-Profil = 89 Prozent
79 von 146 Abgeordneten nutzen ein persönliches Profil = 54,1Prozent
51 von 146 Abgeordneten haben eine Fanseite = 34,9 Prozent

FDP
78 von 93
Abgeordneten haben ein Facebook-Profil = 84 Prozent
63 von 93 Abgeordneten nutzen ein persönliches Profil = 67,7 Prozent
30 von 93 Abgeordneten haben eine Fanseite = 32,3 Prozent

Die LINKE.
65 von 76
Abgeordneten haben ein Facebook-Profil = 85,5 Prozent
49 von 76 Abgeordneten nutzen ein persönliches Profil = 64,5 Prozent
33 von 76 Abgeordneten haben eine Fanseite = 43,4 Prozent

Bündnis 90 / Die Grünen
59 von 68
Abgeordneten haben ein Facebook-Profil = 85,3 Prozent
48 von 68 Abgeordneten nutzen ein persönliches Profil = 70,1 Prozent
29 von 68 Abgeordneten haben eine Fanseite = 42,6 Prozent

In der SPD-Fraktion ist Facebook am stärksten verbreitet: Fast jeder neunte Genosse hat ein Profil – schwerpunktmäßig allerdings ein privates Profil. Bei den anderen Fraktionen des Bundestages besitzen – mit Ausnahme der Union – immer über 80 Prozent der Abgeordneten ein Facebookprofil. Die meisten Fanseiten findet man in den kleinsten Fraktionen: Bei Linksfraktion und Bündnis 90/Die Grünen haben über 40 Prozent der Mitglieder eine eigene Fanseite. Die wenigsten Fanseiten gibt es überraschenderweise bei den Liberalen.

Eine Übersicht über alle Abgeordneten mit Facebook-Fanseiten erhalten Sie auf der Social-Media-Analyse-Plattform Pluragraph.de.

Twitter kommt

Das zweitmeist genutzte Netzwerk ist, wie auch in der Gesamtbevölkerung, der Kurznachrichtendienst Twitter. 50,3 Prozent der Parlamentarier haben einen Account, aber nur etwa 35 Prozent nutzen diesen auch aktiv zur Kommunikation (ISPRAT Studie „Politiker im Netz“, 2011 (.pdf)).

Nach Fraktionen betrachtet ergibt sich folgendes Bild der Twitter-Nutzung:

CDU/CSU
93 von 237
Abgeordneten haben einen Twitter-Account.
Dies entspricht:  39,2 Prozent

SPD
64 von 146
Abgeordneten haben einen Twitter-Account.
Dies entspricht: 43,8 Prozent

FDP
57 von 93
Abgeordneten haben einen Twitter-Account.
Dies entspricht: 61,3 Prozent

Die LINKE.
45 von 76
Abgeordneten haben einen Twitter-Account.
Dies entspricht: 59,2 Prozent

Bündnis 90/ Die Grünen
51 von 68
Abgeordneten haben einen Twitter-Account.
Dies entspricht: 75 Prozent

Drei Viertel aller grünen Bundestagsabgeordneten besitzen einen Twitteraccount, damit liegt die Fraktion weit vor allen anderen Fraktionen. Auch FDP und Linke-Abgeordnete nutzen das Instrument überdurchschnittlich. Abgeschlagen mit knapp 40 Prozent ist die CDU/CSU-Fraktion.

Eine Übersicht über alle Abgeordneten mit Twitter-Account erhalten Sie auf der Social-Media-Analyse-Plattform Pluragraph.de.

 

YouTube, Google+ und XING

Die Videoplattform YouTube, das Karrierenetzwerk XING und Googles soziales Netzwerk Google+ werden nicht mehr so häufig genutzt wie Facebook und Twitter. Eine Übersicht über die Nutzerzahlen nach Fraktionen finden Sie hier.

Neben diesen fünf meist genutzten Netzwerken besitzen einige Mitglieder des Bundestages zudem Accounts in folgenden weiteren sozialen Netzwerken: flickr, wer-kennt-wen.de, Pinterest, LinkedIn, myspace und MeinVZ.

 

Bei der Aktivität liegen die Grünen vorne

Große Unterschiede gibt es allerdings zwischen der Einrichtung eines Profils und der aktiven Nutzung: Im vergangenen Jahr veröffentlichte das Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen seinen „Social Media Activity Index 2011“ (.pdf). Aus dieser Studie geht hervor, dass nur sehr wenige Abgeordnete hohe Aktivitätswerte erreichen.

Im Durchschnitt kommunizieren dabei die Abgeordneten von Bündnis 90/Grünen mit deutlichem Abstand am aktivsten über die sozialen Netzwerke, gefolgt von jenen der SPD-Bundestagsfraktion. Dicht dahinter haben sich jedoch die Abgeordneten der FDP-Fraktion positioniert. Erst dann folgen die Fraktionsmitglieder der Unionsparteien sowie der Linken.

 

Social-Media-Popularität

Auch wenn das Ranking bei Pluragraph.de keine Aussage über den Erfolg, die Reichweite und die Qualität der Social-Media-Kommunikation trifft, so bekommt man doch einen ziemlich guten Eindruck darüber, welcher Politiker eine hohe Popularität im Netz genießt.

Neben den Spitzpolitikern aller Parteien finden sich überraschenderweise auch Abgeordnete auf den vorderen Plätze, die man nicht täglich im der Tagesschau oder in den Talkshows sieht. Es lohnt sich genauer hinzuschauen, wie sie agieren und mit den Nutzern kommunizieren.

Das Ranking aller Bundestagsabgeordneten und derer Social-Media-Aktivitäten finden Sie hier.

 

Ausblick

Im Vergleich zum Vorjahr nutzen Bundestagsabgeordnete die sozialen Netzwerke stärker. Die Nutzerraten werden mit Hinblick auf die Bundestagswahl aller Voraussicht nach auch weiter steigen. Zum einen sind soziale Medien, wie die vergangenen Landtagswahlen in Niedersachsen, im Saarland und in Baden-Württemberg gezeigt haben, zum festen Bestandteil von Wahlkämpfen geworden, zum anderen werden auch viele Kandidaten, die um ein Direktmandat kämpfen, Facebook und Co für den Dialog einsetzen. Dies hat dann wiederum Effekte auf die Nutzung durch andere Kandidaten aus einem Wahlkreis.

Es bleibt zu hoffen, dass Politiker diese Form des Dialogs nicht nur in den kommenden Wahlkampagnen nutzen werden, sondern sie Social Media auch danach ganz selbstverständlich im Alltag nutzen werden, um mit den Bürgern zu kommunizieren.

 Über den Autor:

Martin Fuchs berät, referiert und bloggt. Seit 2011 ist er Hamburger und gründete an der Elbe „Bürger & Freunde“. Er berät öffentliche Institutionen und die Politik bei der Nutzung sozialer Medien für Bürgerdialog und Verwaltungsmodernisierung. Zuvor arbeitete er mehrere Jahre als Politik- und Unternehmensberater in Berlin und Brüssel. Martin Fuchs ist seit 2008 Lehrbeauftragter für Public Affairs an der Universität Passau. Zudem ist er Gründer von Pluragraph.de, der Plattform für Social-Media-Benchmarking und Social-Media-Analyse im nicht-kommerziellen Bereich und bloggt über Social Media in der Politik unter www.hamburger-wahlbeobachter.de.

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