Hasso Mansfeld: Grassroots für den Liberalismus – FDP Liberté

Wenn ich mich im letzten halben Jahr als FDP-Mitglied outete, wurde ich regelmäßig schief angeguckt. Manchmal sah ich mich sogar Beschimpfungen ausgesetzt, und die abfälligen Bemerkungen, die ich mir gerade in der Lokalpolitik anhören musste, waren schwer zu ertragen. Die FDP steht in den Augen der Bevölkerung schlecht da, und das heißt noch fast die Lage zu rosig malen. Doch weder der antiliberale Zeitgeist, noch den Liberalismus dämonisierende Propaganda der Opposition, noch die teilweise unsäglichen Gebaren des Koalitionspartners können für die schwierige Situation verantwortlich gemacht werden. Den Niedergang hat sich die Partei selbst zuzuschreiben: Die FDP steht am Abgrund, weil sie grundlegende Prinzipien des Liberalismus aus den Augen verloren hat. Es ist keineswegs so, dass es in Deutschland nicht genügend Menschen gebe, denen die Freiheit über Alles geht, die bereit sind die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, und die nicht immer sofort nach dem Staat rufen, wenn sie Schwierigkeiten haben. Doch dieses natürliche Wählerpotential der FDP fühlt sich aus guten Gründen von der Partei  seit geraumer Zeit nicht mehr repräsentiert.

Vor dem Hintergrund dieser Lage ist die Kampagne „FDP Liberté“ entstanden. Die Idee kam, wie so viele Ideen ganz spontan am Küchentisch. Es begann als ein emotionaler Befreiungsschlag eines liberalen Überzeugungstäters. Mit dem Claim „Liberté statt Lafontaine“, den ich über einer Kanne Tee ausgebrütet hatte, wollte ich der angeschlagenen Saar-FDP ein wenig unter die Arme greifen. Eine rasch hergestellte Fotomontage, bei der mir Freunde geholfen haben, schlug bei Facebook einige Wellen, weshalb ich mit der Unterstützung einiger Gleichgesinnter schnell einige weitere Plakate entwarf, darunter die Claims „Tolérance statt Moralapostel“, „Espérance statt Entmündigung“ und „Pluralité statt Gleichmacherei“. Diese fanden nun auch im Saar Wahlkampf Verwendung. Die Resonanz war groß, bald wurden weitere Ideen von Sympathisanten zugeschickt, die das Konzept variierten, und beinahe noch schneller standen die ersten Gegner mit Parodien auf dem Plan. Und wenn man parodiert wird, hat man bereits einiges erreicht. Man hat Aufmerksamkeit erregt, die über die Zielgruppe, der sowieso schon Bekehrten hinausgeht, und eine Reaktion der Hasser und Miesmacher herausgefordert. 

Schnell ist FDP Liberté zu einer richtigen Bewegung geworden, die eilig errichtete Facebook Seite zählte noch am ersten Tag mehr als einhundert Mitglieder. Mittlerweile sind es knapp 1.500  und jeden Tag kommen Mitglieder hinzu, gehen neue Plakatentwürfe und weitere Ideen ein. FDP Liberté ist damit sicher eine, der bisher erfolgreichsten politischen Kampagnen, die in erster Linie über das Internet entwickelt und vorangetrieben wurden. Der Accent Aigu, einer der ersten Entwürfe, hat sich dabei zu einem Markenzeichen entwickelt, unter dem die Bewegung liberale Grundtugenden durchdekliniert, und dabei schon im Schriftbild immer daran erinnert, dass Liberalismus weltoffen und inklusiv daherkommen muss. Ganz im Sinne des ursprünglichen „Liberté, Égalité, Fraternité“ erweitert die Kampagne FDP Liberté den Liberalen Katalog um Konzepte, die auf die Herausforderung reagiert, die die heutige Zeit an die Menschen, und an die liberale Partei und Bewegung im Besonderen stellt.

Und nicht nur die Inhalte von FDP Liberté sind liberal. Liberal ist die Kampagne der ganzen Form nach, jeder kann sich einbringen und noch viel wichtiger: Sehr viele bringen sich ein. Vom Liberalen Quietscheentchen, über Motive zum Weltfrauentag, bis hin zu zahlreichen Variationen des derzeit virulanten „Wie wir uns, und wie uns die Welt sieht“ Memes beeindruckt, wie aktiv die freiheitlichen Mitstreiter das Tagesgeschehen beobachten und aktuelle Kommentare im Stil der FDP Liberté Kampagne posten.

Unabhängig von der Parteispitze und den bekannten politischen Akteuren ist es den schnell mehr werdenden Mitgliedern gelungen, dem Liberalismus frischen Wind zu verleihen, und eine breitere Basis der Menschen in Deutschland überhaupt wieder darauf hinzuweisen, dass Liberalismus mehr ist als Klientelpolitik für die Großen und Reichen. In kreativer, verspielter und selbstironischer Weise wurde so eine neue Tür für die politische Kommunikation  des Liberalismus innerhalb und außerhalb der Partei aufgestoßen. Das war nur möglich durch die kritische Selbstreflektion, die der Rahmen einer solchen Kampagne mit sich bringt. Denn es wurde ein Forum geschaffen, in dem liberal gesinnte Geister, die viel zu lange im eigenen Saft geschmort hatten, und aufgrund des schlechten Leumunds des Liberalismus in Deutschland allen Grund hatten zu verzweifeln, sich entfalten können, sich frei aufeinander beziehen, und wo es nicht zuletzt möglich war, zu erfahren, dass man so alleine gar nicht da steht. 
Kritische Selbstironie ist dabei ein ganz besonders wirksames Mittel zur Erneuerung des politischen Diskurses. Für Deutschland ist die FDP zum Fußabtreter geworden, die Medien schießen sich besonders gern auf die Liberalen ein, und was, wie die zum Zeitpunkt der Berichterstattung bereits mehrere Monate zurück liegende Fahrerflucht Affäre des FDP-Generalsekretär Patrick Döring in anderen Parteien nur für ein Schulterzucken gut wäre, wird zum Politikum, zur existenziellen Frage hochstilisiert. FDP Liberté reagiert darauf, in dem man sich betont augenzwinkernd der Problematik annimmt, zum Buhmann der Nation geworden zu sein. Den Anfang machte ein „Liberté statt Lafontaine“ Plakat, das auf den Fußboden eines Bahnhofs ge-„photoshopt“ wurde. Kurze Zeit später war das Potential des Plakats bereist erkannt worden, und es erschienen weitere Versionen, die baten „bitte die Freiheit nicht mit Füßen treten“. Mittlerweile bieten mehrere Montagen unseren Gegnern im Internet an: „Hier können Sie mal so richtig auf der FDP rumtrampeln“. Es wäre durchaus zu begrüßen, solche Plakate wirklich einmal im öffentlichen Raum anzubringen. Über sich selbst lachen befreit, und wenn Gegner und Opportunisten sich einige Zeit an uns abreagiert haben, könnte man vielleicht endlich wieder über Inhalte reden.
Dass innerhalb einer durch keine übergeordnete Instanz gesteuerten Bewegung auch Konflikte entstehen, ist natürlich nicht auszuschließen. Gerade in der Anfangsphase waren das ein oder andere Mal Plakate auf der Seite von FDP Liberté veröffentlicht, die eine Mehrzahl der User für grenzwertig erachtete. Insbesondere eine Todesanzeige für Christian Wulffs Präsidentschaft  erregte viel Aufsehen und sorgte für Empörung. Doch es zeigte auch, wie souverän man liberal mit solch einem Problem umgehen kann. Statt einseitig Denkverbote auszugeben, wurde der Entwurf betrachtet, diskutiert, und man einigte sich in der Mehrheit darauf, dass er unklug und inhaltlich abzulehnen sei.  Zwar leitet eine Moderation die Seite FDP Liberté, doch es wird keine Vorzensur betrieben, was angesichts der wachen Mitglieder und der aktiven Mitarbeit allerdings auch gar nicht nötig ist. 

Liberalismus ist keine Sache der Institutionen, auch eine Partei ist zweitrangig, obwohl sie natürlich nötig ist, um liberale Interessen und Positionen in der Demokratie wirksam zu artikulieren. Doch in erster Linie geht Liberalismus von Menschen aus, die bereit sind auch gegen Widerstände und Zeitgeist für die eigene Freiheit, die immer auch die Freiheit der anderen ist, einzustehen. FDP Liberté ist spontan entstanden. Doch für mich wurde der Grundstein zum jetzigen Aufbruch Bewegung bereits vor längerer Zeit gelegt. Denn nicht nur mit der Stellung des Liberalismus in Deutschland, auch mit dem Kurs, den die FDP eingeschlagen hat, war ich schon länger unzufrieden. Bereits Mitte letzten Jahres gab ich den Manager Magazin ein Interview, in dem ich konstatierte, die FDP hänge am Gängelband der Ärzte- und Apothekerkammern – wie der Junkie an der Nadel. Daraufhin wendete sich der damalige Generalsekretär Christian Lindner an mich, mit der nachdrücklichen Bitte solche Äußerungen doch zukünftig zu unterlassen. In einem sehr persönlichen Bekenntnis erklärte ich daraufhin in der „Welt“, warum ich die FDP noch immer für unverzichtbar halte, und trotz aller Fehler, die man der Partei weiter vorwerfen kann und muss, zu ihr stehe. Gleichzeitig startete auf Facebook die Seite „Liberales Glaubensbekenntnis“, auf der kurz und bündig die gedanklichen Grundlagen und Ziele des Liberalismus von Kant über Mill bis heute hergeleitet, und emphatisch verteidigt werden. Dieser Grundsatztext, der davon ausgeht, dass der Liberalismus die einzige politische Philosophie ist, die den individuellen Bedürfnissen des Menschen entspricht, ist auch die gemeinsame Basis, auf der die Kampagne FDP Liberté operiert: Der Liberalismus will die freie Entfaltung des Menschen: Liberalismus ist Humanismus. 

Ich gehe davon aus, dass viele Aktivisten, die sich nun bei FDP Liberté engagiert haben, ähnlich frustrierende Erfahrungen mit liberalem Gedankengut gemacht haben, wie ich in den letzten Monaten. Manche bäumten sich auf, andere haben resigniert. Auf FDP Liberté haben wir zusammengefunden und Hoffnung geschöpft. Der Erfolg gibt uns recht. Mittlerweile haben die Welt, The European, das Manager Magazin, W&V und zuletzt das ARD Morgenmagazin das Thema aufgegriffen und über unsere Kampagne berichtet. Das ist etwas, dass wir gemeinsam erreicht haben und worauf wir stolz sein können. „Auch die Führungsriege der Partei kann davor nicht länger die Augen verschließen“, so formulierte es die heute.de Redakteurin Sonja Schünemann im Morgenmagazin. Für alle Parteien gilt: die Basis muss in die Entscheidungsfindung auch von politscher Kommunikation künftig mit einbezogen werden. Mindestens. Für FDP Liberté stehen die Chancen noch ein wenig besser. Hier hat eine Graswurzelbewegung deutlich ihren Einfluss gelten gemacht. Auch die FDP kann Graswurzel: Es bestehen gute Chancen, dass Plakate von  „FDP – Liberté“ bald bundesweit Verwendung finden.

  3 comments for “Hasso Mansfeld: Grassroots für den Liberalismus – FDP Liberté

  1. Gerd
    4. April 2012 at 18:32

    Keiner will übrigens auf der FDP herumtrampeln. Sie soll halt nur nicht mehr versuchen, Politik zu machen. Möge sie ihre Freiheit im Privaten finden.

    • Hasso Mansfeld
      5. April 2012 at 11:34

      Hahaha, KEINER will rumtrampeln?! Meine reale Lebenserfahrung sagt mir da etwas ganz anderes.

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