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Dominik Meier: Zukunft durch Professionalisierung – Herausforderungen an Politikberatung in Deutschland

17. Oktober 2011
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Die neue Politikberatungsszene in Berlin

Die Politikberatungsszene in Deutschland ist aufgewacht. Die Einflüsse aus den USA und Brüssel bestimmen zunehmend den Berufsalltag der Politikberaterinnen und Politikberater in Deutschland. Das Berufsfeld Politikberatung hat sich ausgeweitet und fachspezifisch ausdifferenziert. Das aktuelle Spektrum lässt sich mit den Begriffen Kampagnenberatung, Public Affairs/Lobbying sowie strategisch-operative Politikberatung/Politikfeldberatung beschreiben.

Im Berliner Politikfeld ist die Zahl der Akteure, die Einfluss auf die Politik nehmen möchten, erheblich gewachsen. Hinzu kommt die gestiegene Bedeutung der Medien. Der Druck, frühzeitig über die entscheidenden Informationen zu verfügen, ist enorm. Diese Entwicklung wird durch die Internationalisierung der Politik und ihrer Entscheidungswege noch beschleunigt. Europäische Politik ist zunehmend deutsche Innenpolitik.

Gleichzeitig müssen auch die politischen Entscheidungsträger mit der gesellschaftlichen und ökonomischen Dynamik Schritt halten und den gestiegenen Anforderungen an ihre Vermittlungsfähigkeit gerecht werden.

Das Tätigkeitsfeld Politikberatung

Das Tätigkeitsfeld Politikberatung hat schon lange den in Deutschland vorherrschenden klassischen Definitionsrahmen überschritten. Der Begriff Politikberatung umfasst heute sowohl die “Beratung an die Politik” als auch die “Beratung an Externe über die Politik”. Die praktische Arbeit eines Politikberaters kommt ohne ein umfassendes Wissen über interne politische Abläufe und Verfahrensweisen nicht aus. Nur mit diesem Wissen ist eine Beratung von Entscheidungsträgern und Organisationen, die sich im politischen Feld positionieren möchten, möglich.

Politikberatung deckt drei Aktivitätsfelder ab, die sich in der praktischen Arbeit überschneiden können:
- Public Affairs
- Kampagnenberatung
- Politikfeldberatung

Public Affairs umfasst die Planung und Steuerung dialogorientierter Kommunikation und des Beziehungsmanagements zwischen einem Unternehmen/einer Organisation und Vertretern der Regierung, des Parlamentes, der Verwaltung sowie relevanten politischen Interessengruppen. Public Affairs zielen zumeist darauf ab, negative Auswirkungen von Aktivitäten einer Regierung in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Angelegenheiten für das Unternehmen/die Organisation zu minimieren oder Aktivitäten mit positiven Auswirkungen zu unterstützen.

Kampagnenberatung dient der Generierung und Vermittlung von politischen Botschaften, die bei bestimmten Akteuren auf Aufmerksamkeit und Zustimmung stoßen sollen. Durch die Steuerung von Inhalten werden über unterschiedlichste Kommunikationskanäle beim Empfänger bestimmte Botschaften platziert.

Politikfeldberatung ist die inhaltlich-strategische Beratung von Organisationen und Entscheidungsträgern bei ihrer Positionierung im politischen Feld. Die Politikfeldberatung vermittelt zwischen Wissenschaft und politischer Praxis und entwirft auf der Grundlage wissenschaftlicher Analysen strategisch–operative Konzepte.

Diese Aktivitätsfelder der Politikberatung arbeiten mit unterschiedlichen, teilweise sich überschneidenden Instrumenten, wie beispielsweise Governmental Relations, Lobbying, Issue Management, Coaching, Positionierung oder politische Online-Kommunikation.

Die Gründung der degepol – die Politikberaterszene formiert sich

Der Wandel der deutschen Politikberaterszene, der von neuen Herausforderungen begleitet ist und mit einer Angleichung an die Arbeitsweisen in Brüssel und Washington einhergeht, hat zu einem neuen Selbstverständnis von Politikberatung geführt.

Ein Ausdruck dieses neuen Selbstverständnisses ist die von Politikberaterinnen und Politikberatern aus Deutschland, Österreich und Brüssel im Mai 2002 gegründete degepol – Deutsche Gesellschaft für Politikberatung. In einem gemeinsamen Abschlusskommuniqué haben die Gründungsmitglieder die zukünftigen Zielsetzungen der degepol zusammengefasst und sich auf die Zielgruppe verständigt. Die degepol möchte mit ihrem “next generation” Ansatz die unterschiedlichen Bereiche von Politikberatung zusammenbringen.

Es gilt, jenseits von Parteigrenzen ein gemeinsames fachliches Selbstverständnis zu definieren, sich über die Standards professioneller Berufspraxis auszutauschen und diese weiter zu entwickeln.

Folgende Ziele und Überlegungen bilden die Grundlage für einen Zusammenschluss der Politikberaterinnen und Politikberater in Deutschland und Brüssel:
- Professionalisierung von Politikberatung durch Austausch, Kooperation und den Aufbau praxisorientierter Weiterbildungsangebote;

- Vermittlung eines klaren Profils von Politikberatung gegenüber den Akteuren im politischen Feld und einer interessierten Öffentlichkeit;

- Entwicklung von Qualitäts- und ethischen Standards;

- Austausch über den technologischen “State of the art” im Bereich Politikberatung;

- Aufbau eines informellen Netzwerks mit relevanten Ansprechpartnern in nationalen und internationalen Organisationen;

- Vertiefung des Austausches mit der internationalen Politikberatungsszene;

- Aufbau gemeinsamer Strukturen in Deutschland und Europa.

Die degepol versteht sich als Plattform für die deutschsprachigen Politikberater und als Teil der internationalen Politikberatergemeinschaft. Partnerschaften zwischen der europäischen (EAPC) und internationalen (IAPC) Vereinigung für Politikberater bestehen bereits seit der Gründung der degepol.

Das Image von Politikberatung

Eine wesentliche Aufgabe der degepol ist es, das neue Profil von Politikberatung den Akteuren im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Feld sowie der Öffentlichkeit zu vermitteln. Während Politikberatung in Brüssel, Washington oder London bereits seit Jahren als eigenständiges Berufsfeld anerkannt ist, steckt sie in Deutschland noch in den Anfängen. Gerade in Deutschland existieren im Vergleich zu den europäischen Institutionen Berührungsängste zwischen Vertretern aus Regierung, Parlamenten und Ministerien einerseits und Politikberatern andererseits.

Die degepol möchte maßgeblich dazu beitragen, die Vorstellungen über die Profession Politikberatung mit den Begriffen Glaubwürdigkeit, Qualität und Diskretion zu verbinden. Wenn das Image von Politikberatung in Deutschland nachhaltig verbessert werden soll, muss es gelingen, Politikberatung jenseits von “Strip­penziehern” und “schwarze Koffern” als professionelles Be­rufs­feld zu etablieren. Dabei ist die Erarbeitung theoretischer Grundlagen genauso wichtig, wie das Bekenntnis zu ethischen Standards und die internationale Zusammenarbeit. Politikberatung lebt von der Loyalität zum Kunden und vom Vertrauen des Kunden in seinen Politikberater. Der von der degepol kürzlich verabschiedete Verhaltenskodex kann hier eine Orientierung bieten (abrufbar unter www.degepol.de).

Die Mitglieder der degepol

Die degepol steht all jenen offen, die über mehrjährige Berufserfahrungen im Bereich Politikberatung verfügen. Die Mitglieder kommen bisher aus dem deutschsprachigen Raum und arbeiten in Deutschland, vor allem in Berlin, und Brüssel. Viele degepol-Mitglieder arbeiten in mehreren der beschriebenen Bereiche der Politikberatung. Sie beraten oft parallel Politiker, Parteien, Fraktionen, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Organisationen.

Dabei nimmt die Bindung der Berater an einzelne politische Parteien kontinuierlich ab. Die verbreitete Vorstellung, man dürfe nur einer Partei dienen, entspricht aufgrund der Europäisierung und Professionalisierung der deutschen Politik sowie eines neuen Umgangsstils innerhalb der “next generation” immer weniger der Praxis.

Die Biographien der Mitglieder belegen in ihrer Individualität und Unterschiedlichkeit den Mangel an professionellen Ausbildungsstrukturen für den Bereich Politikberatung. Die neue Generation von Politikberaterinnen und Politikberatern verfügt über Erfahrungen als Mitarbeiter oder Referenten in den Partei- und Fraktionsstäben, arbeitet in Public Affairs Agenturen in Deutschland oder Europa, kennt die PR- und Werbebranche oder hat Station in Unternehmensberatungen oder in internationalen Organisationen gemacht. Sowohl Angestellte als auch Selbständige sind bei der degepol Mitglied.

Politikberatung als professionelle Dienstleistung

Da es bisher für Politikberater keine adäquaten Angebote zur Professionalisierung gibt, möchte die degepol durch eigene interne und externe Veranstaltungen, die Einrichtung einer Arbeitsgruppe Professionalisierung und den Aufbau praxisorientierter Weiterbildungsangebote für ihre Mitglieder die Professionalisierung von Politikberatung vorantreiben. Gegenwärtig erarbeitet die Arbeitsgruppe Professionalisierung der degepol eine systematische Übersicht über Inhalte, Instrumente und Entwicklungen des Berufsfelds Politik­be­ra­tung.

Langfristig arbeitet die degepol an der Entwicklung von Standards für Politikberatung. Hierbei kommt dem Beratungsdreieck von Glaubwürdigkeit, Qualität und Diskretion eine wesentliche Bedeutung zu. Auch Dialog- und Kommunikationskompetenz sowie der (inter-)nationale Praxisbezug sind Grundlagen moderner Politikberatungsstandards. Hierbei ist auch an eine Kooperation mit der International Association of Political Consulting (IAPC) gedacht.

Der Austausch mit politischen Orga­ni­sa­tionen, Hochschulen, Akademien, Unternehmen, Verbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen soll die Annäherung zwi­schen theoretischen Konzepten und Operationalisierung voranbringen. Für die Weiter- und Ausbildungsarbeit ist degepol auf Kooperationen angewiesen. Das Engagement der degepol kann vor allem in der Entwicklung von Curricula für einzelne Bereiche der Politikberatung liegen. Diese können auch als Grundlage für eine Zertifizierung dienen. Damit möchte die degepol einen Beitrag zum Aufbau von Weiter- und Ausbildungsangeboten leisten, die dem internationalen Vergleich Stand halten können.

Ausblick

Mit der Gründung der degepol möchte die neue Politikberatergeneration in Berlin und Brüssel außerhalb der etablierten Parteiapparate und traditionellen politischen Organi­sationsstrukturen eine unabhängige und parteiübergreifende Plattform für die Professionalisierung des noch jungen, sehr heterogenen Berufsfelds Politikberatung etablieren. Eine Politikberatungskultur im Sinne Brüssels oder Washingtons wird in Deutschland nur entstehen können, wenn ein ausreichendes Angebot an hochprofessionellen und seriös arbeitenden Politikberatern existiert und Politikberatung als professionelle Dienstleistung wahrgenommen und nachgefragt wird.

Zum Autor:

Dominik Meier gründete zusammen mit Constanze Miller in Bonn die Politik- und Projektberatung miller und meier consulting, ist Mitbegründer und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung (de´ge´pol)

Kontakt: dmeier@miller-meier.de

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